The-Future-Is-this-at-a-different-time_David-le-Viseur-Michael-Pfitzner_2016

Inter­view, 2016

Was hat es mit dem Titel der Aus­stel­lung und dem Bild, das euch als Boxer zeigt auf sich?

DLV: Kunst ver­weist immer auf die Zukunft. Der Dich­ter W.B. Yeats hat gesagt: “The arts lie drea­ming of things to come”. Also: Wovon träumt die Kunst? Wie soll Kunst in Zukunft sein? – Aber es könn­te sein, dass man sich ver­passt. Die Zukunft ist immer wo anders.
MP: Viel­leicht sogar in der Ver­gan­gen­heit. Dar­auf spielt das Bild von uns als Boxern an: War­hol und Bas­qui­at.
DLV: Und Kunst ist ein beson­de­rer Kampf: Mit­ein­an­der, gegen­ein­an­der, für künst­le­ri­sche Posi­tio­nen, vor und für Publi­kum. Ein Kampf der Ver­ein­bar­kei­ten. Viel­leicht bekommt man aber auch eins in die Fres­se.
MP: Aber wir hal­ten län­ger durch als im Box-Ring.
DLV: Mehr als 10 Sekun­den.

Wie kam es zu der Aus­stel­lung? Was ist der Hin­ter­grund?

MP: Die Aus­stel­lung begann als kura­to­ri­sches Pro­jekt im Rah­men von Neu­ro­Art e.V., das David gegrün­det hat.
DLV: Der Tod mei­nes Vaters mach­te das dann unmög­lich. Aber es ent­stand Kunst.
MP: Und ich habe Tag und Nacht an Din­gen gear­bei­tet, um mich an Kunst­aka­de­mi­en zu bewer­ben.
DLV: Dar­aus ent­stand dann eine inti­me­re, radi­ka­le­re Idee zu die­ser Aus­stel­lung. Das Kösk-Team fand das gut. Was uns wie­der­um ange­spornt hat.
MP: Die Arbei­ten sind fast alle im letz­ten Jahr, den letz­ten Mona­ten ent­stan­den.
DLV: Des­halb nen­nen wir es auch eine Retro­spek­ti­ve.

Wie arbei­tet ihr?

DLV: Wir arbei­ten meist allein. Aber, was sel­ten ist, es gibt einen Kos­mos der Pro­ble­me, Ide­en und Fas­zi­na­tio­nen, den wir tei­len. Und das führt dann zu einer Art Par­al­lel­flug.
MP: Meins, Deins – alles bür­ger­li­che Begrif­fe! – Richard Feyn­man hät­te auf die Fra­ge mit einem lau­ten: “Becau­se it’s inte­res­ting!” geant­wor­tet.
DLV: Bei Kunst geht’s um die Sache. Und die gehört nie­man­dem. Kunst braucht immer den Ande­ren.

Eure Aus­stel­lung zeigt Foto­gra­fi­en, Skulp­tu­ren, Instal­la­tio­nen, Vide­os und sogar Male­rei. Das ist unge­wöhn­lich. Was ist der Grund?

DLV: Ich fin­de es sehr merk­wür­dig, dass sich Künst­ler heu­te noch mit einem Medi­um iden­ti­fi­zie­ren. Dass es Wert-Hier­ar­chi­en gibt. Das ist fürch­ter­lich pro­vin­zi­ell und alt­mo­disch. Es gibt nur ein Medi­um auf dem Kunst ope­riert: Das Gehirn/Bewusstsein von Men­schen. Künst­le­ri­sche Medi­en haben ihre Las­ter und Tugen­den, aber das Wesent­li­che ist etwas ande­res: Kunst ist das Spiel mit ‑jedem- men­ta­len Gehalt. Kunst ist grö­ßer als alle Medi­en.
MP: Man­che Bil­der, z.B. die “Stu­dies for an Illu­mi­na­ti­on”, ent­ste­hen wie Male­rei und Per­for­mance. Sie dau­ern län­ger im Betrach­ter als vie­le Vide­os. Es ist nicht “Foto­gra­fie”, bloß, weil eine Kame­ra betei­ligt war. Das­sel­be gilt für alle Wer­ke, die wir zei­gen.
DLV: Es geht immer um den ästhe­ti­schen Gegen­stand, um einen bestimm­ten Witz, etwas, das Click! macht, wie David Fos­ter Wal­lace sag­te. Das zu schaf­fen macht den Künst­ler heu­te aus. Die Zei­ten sind vor­bei, in denen Künst­ler eine Idee, einen ein­zi­gen Topos wie ein Bör­sen­port­fo­lio diver­si­fi­zie­ren und dann zu Tode rei­ten dür­fen. Künst­ler müs­sen so reich sein, wie die Welt in der sie leben. Des­halb zei­gen wir wir Foto­gra­fi­en, Skulp­tu­ren, Male­rei, Vide­os und Instal­la­tio­nen. Lus­ti­ges, Trau­ri­ges, Sexu­el­les, Poli­ti­sches, For­ma­les…
MP: Ich habe vor Jah­ren als Foto­graf ange­fan­gen. Aber das ist irre­füh­rend. Hab’ ich Skulp­tu­ren gemacht, als ich foto­gra­fiert habe? Foto­gra­fie­re ich, wenn ich jetzt eine Skulp­tur einer Bana­ne mache?
DLV: Reden wir dar­über, was fas­zi­nie­rend ist! Und das sind immer uni­ver­sel­le Din­ge. Ein Bei­spiel ist die Orgie des Schei­terns, die wir im Video “Der auf­halt­sa­me Lauf der Din­ge” zei­gen.
MP: Ich fan­ge gera­de an als Künst­ler. Ich will wis­sen: Wie groß ist die Palet­te? Ich will erkun­den und ent­de­cken. Aber: Als der Joker nach sei­nem Plan gefragt wur­de, hat er gesagt: Ich bin wie ein Hund, der Autos nach­jagt. Ich wüss­te gar nicht, was ich tun wür­de, wenn ich eins erwi­schen wür­de!

Ein in ver­schie­de­nen For­men wie­der­keh­ren­des The­ma der Aus­stel­lung ist das Ver­hält­nis von ana­lo­ger und digi­ta­ler Welt. Was ist eure Posi­ti­on?

DLV: Es gibt kei­nen fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen ana­log und digi­tal. Kein Ent­we­der-Oder und kei­nen Wert­un­ter­schied. Digi­ta­li­tät ist Teil unse­rer Welt. Das ist alles kein Neu­land, auch nicht in der Kunst. Aber wenn ein digi­ta­les Bild male­risch wird, ist das aus sich her­aus inter­es­sant. Wie etwa bei den “Stu­dies for an Illu­mi­na­ti­on”. Genau­so, wenn digi­ta­les auf ein­mal phy­sisch wird, ver­letz­bar und unvor­her­seh­bar. Etwa bei der Serie “Game of Gli­ches”. Wenn man digi­ta­les und ana­lo­ges zusam­men­bringt, ent­steht oft etwas Drit­tes. Die­se Art der Über­win­dung der Gegen­sät­ze fin­de ich künst­le­risch inter­es­sant.
MP: Obwohl es in mei­nem Leben kei­ne Zeit ohne Inter­net gab, fra­ge ich mich schon, ob das, was man als Künst­ler macht, nur belie­bi­ges, flüch­ti­ges Fut­ter für die sozia­len Net­ze ist. Was bleibt? Was berührt wirk­lich?
DLV: So etwas ana­lo­ges wie eine Aus­stel­lung ist an einen Ort, eine Zeit und die jewei­li­gen Besu­cher gebun­den. Das sind alles Ein­schrän­kun­gen, die das Digi­ta­le nicht hat. Aber trans­por­tiert sich das, was Wal­ter Ben­ja­min das Aura­ti­sche genannt hat?
Dar­um geht es, auf ver­dreh­te Wei­se, in der Arbeit “In den Augen der Ande­ren”.
MP: Es wäre doch schön, wenn Kunst so sein könn­te wie ein Som­mer­lied, das man auf dem Han­dy hat. Da kauf’ ich ja auch nicht gleich die Par­ti­tur!
DLV: Des­halb pro­bie­ren wir so etwas wie einen digi­ta­len Kata­log. Für ein paar Euro bekommt man dann auf unse­rer Web­sei­te einen pri­va­ten Zugang zu den Wer­ken, den Vide­os und zu aller­lei Hin­ter­grund­ma­te­ri­al.
MP: Trotz­dem soll­te man sich die Aus­stel­lung anse­hen. Die Kunst braucht die Betrach­ter!